{"id":1513,"date":"2018-12-18T19:42:34","date_gmt":"2018-12-18T18:42:34","guid":{"rendered":"https:\/\/biblionatio.de\/?p=1513"},"modified":"2018-12-18T19:53:47","modified_gmt":"2018-12-18T18:53:47","slug":"driving-home-for-christmas-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.biblionatio.de\/index.php\/2018\/12\/18\/driving-home-for-christmas-teil-2\/","title":{"rendered":"Driving home for Christmas (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><em>von Aliz\u00e9e Korte<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><em>Eine weihnachtliche Szene basierend auf<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><em>dem Roman \u201cDein Weg, meine Liebe\u201d<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Flamme der Kerze knistert, als eine Schneeflocke darauf schmilzt, geht aber nicht aus. Sie flackert nur gerade heftig genug, um Etienne zu best\u00e4tigen, dass er das richtige Geschenk ausgesucht hat. Vorsichtig stellt er die Kerze neben sich auf den Boden und zieht die Laterne aus der T\u00fcte. Mit klammen Fingern streicht er \u00fcber das geb\u00fcrstete Aluminium und die d\u00fcnnen W\u00e4nde. Dort, wo Schneekristalle und Sterne in das Glas geschliffen sind, f\u00fchlt es sich rauer an. Er \u00f6ffnet den winzigen Metallriegel, zieht das T\u00fcrchen auf und stellt die Kerze hinein. Sofort beruhigt sich die Flamme und warmes Licht strahlt durch das Glas und die sternf\u00f6rmigen Ausstanzungen dar\u00fcber. Zufrieden beugt er sich vor und stellt die Laterne vor dem Grabstein zwischen die Tannenzweige.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bb<em>Joyeux No\u00ebl, Maman.<\/em>\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er vergr\u00e4bt die H\u00e4nde in den Taschen seiner Daunenjacke.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nun? Winzige Schneeflocken rieseln \u00fcber die Szenerie. Sie schmelzen zusammen mit der letzte Illusion von weihnachtlicher Stimmung auf dem Boden und Etienne fragt sich, was ihn geritten hat, Heiligabend am Grab seiner Mutter verbringen zu wollen. Im Grunde war es eine eher beschissene Idee. Genauso gut h\u00e4tte er die alten VHS-Videokassetten mit seinen Wettkampfaufzeichnungen in Glitzerpapier einwickeln und f\u00fcr sich selbst unter seinen nicht vorhandenen Weihnachtsbaum legen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist nicht mehr wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es w\u00fcrde nie wieder wie fr\u00fcher sein und eigentlich kommt er ganz gut damit klar. Dass er seit sechs Jahren Heiligabend an das Grab seiner Mutter kommt, hei\u00dft nicht, dass er mit der Realit\u00e4t nach dem Unfall nicht zurechtkommt. Oder? Zumal das Ritual anfangs nicht einmal seins gewesen war. Auch seinen Vater, seine Schwester Marie-Lou und die besten Freundinnen seiner Mutter hatte es in den ersten Jahren Heiligabend an Isabelle Jeancours Grab gezogen. Aber irgendwann hatten die Freundinnen beschlossen, dass sie nach dem Auszug des letzten Kindes, lieber \u00fcber Weihnachten in den Winterurlaub fuhren, und kurz darauf befand Silvia, die neue Freundin seines Vaters, die sich so vollkommen skrupellos in Etiennes Elternhaus einnistete, dass sie \u00bbihren\u00ab Peter Heiligabend lieber in der K\u00fcche wusste, als am Grab ihrer Vorg\u00e4ngerin. Irgendwann hatte sogar Marie-Lou die gemeinsamen Friedhofsbesuche abgesagt, da sie mit Marc erst sp\u00e4ter aus Paris anreisen wollte. Die unausgesprochene Pflicht, eine Kerze auf Isabelle Jeancours Grab zu hinterlassen, war folglich an ihm h\u00e4ngengeblieben. Es st\u00f6rte ihn nicht. Immerhin hatte er Marie-Lou abends noch gesehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch dieses Jahr ist alles anders. Sein Vater ist mit Silvia in die Karibik geflogen und Marie-Lou feiert zum ersten Mal Weihnachten mit Marcs Familie in Schweden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbIch dachte, du feierst mit Vika\u00ab, hatte sie erschrocken ausgerufen, als er sie Anfang Dezember fragte, ob sie sich in Paris oder in Br\u00fcssel treffen w\u00fcrden, und wohl im Geiste schon \u00fcberlegt, wie sie Marc umstimmen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbNur f\u00fcr den Fall, dass es doch nicht klappt\u00ab, hatte er sich zu versichern beeilt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn Vika feiert nat\u00fcrlich bei ihren Eltern. Das ist seit vierundzwanzig Jahren so und Etienne ist der Letzte, der sie davon abhalten w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich hat sie ihn eingeladen, nein, bekniet hat sie ihn, mitzukommen, und mit wachsender Wut hatte er sich selbst dabei beobachtet, wie er eine fadenscheinige Begr\u00fcndung nach der anderen lieferte, warum es unm\u00f6glich war, zu zweit in die Kleinstadt zwischen Hamburg und Bremen zu fahren und dort inmitten der klirrenden K\u00e4lte nieders\u00e4chsischen Flachlandes Weihnachten zu feiern. Sp\u00e4testens als er behauptete, in der Karateschule zu viel zu tun zu haben, um l\u00e4nger als einen Tag wegbleiben zu k\u00f6nnen, hatte sie verstanden. Schlie\u00dflich wusste sie so gut wie er, dass die Karateschule in den Winterferien geschlossen blieb. Toni war nach Kroatien gefahren und wenn Etienne sich in der Zwischenzeit n\u00fctzlich machen wollte, w\u00fcrde ihm nichts anderes \u00fcbrig bleiben, als die Tatami-Matten mit dem Pinsel zu entstauben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er sollte bei Vika sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das wird ihm immer klarer, je l\u00e4nger er hier sitzt und den Schneeflocken dabei zusieht, wie sie immer dichter fallen und inzwischen tats\u00e4chlich auf der Tannenabdeckung und dem Grabstein liegenbleiben. Er sollte sich in Bewegung setzen, bevor seine Zehen so blau werden wie die Gie\u00dfkanne von Frau B\u00f6hler zwei Gr\u00e4ber weiter.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zugegeben, Vikas Eltern sind nicht die gr\u00f6\u00dften Fans ihrer Beziehung. Schwer zu sagen, ob sie sich mehr davor f\u00fcrchten, dass er abh\u00e4ngig von ihr oder dass sie abh\u00e4ngig von ihm werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht sollte er es darauf ankommen lassen, dass ein pers\u00f6nliches Kennenlernen sie umstimmt. Nicht wenige Menschen sind schlie\u00dflich beeindruckt, wenn sie ihn in Fleisch und Blut erleben. Aber Vika legt Wert auf die Meinung ihrer Eltern. Auch wenn sie es nicht immer zugibt. Wenn ihre Eltern zu dem Ergebnis kommen, dass er nicht der richtige Partner f\u00fcr ihre Tochter ist, kann es dann noch eine Zukunft f\u00fcr sie geben? Oder nur noch eine Zeit des Protests, dem fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Resignation folgt?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Ferne l\u00e4uten Kirchenglocken zum Kindergottesdienst. Etienne erinnert sich, wie Marie-Lou und er fr\u00fcher ausrangiertes Spielzeug auf den B\u00fcrgersteigen nahe der Kirche aussetzten. Die Kindergartenkinder w\u00fcrden es finden, wenn sie mit ihren Eltern zum Gottesdienst gingen, und denken, die Figuren aus Lego und Playmobil seien dem Weihnachtsmann vom Schlitten gefallen. \u00dcberdeutlich erinnert er sich daran, wie er Marie-Lou zur Eile antrieb, damit sie au\u00dfer Sicht waren, bevor die Kinder ihren Fund machten. Seine Schwester keuchte und schien ihren pummeligen K\u00f6rper in Zeitlupe hinter den wei\u00dfen Atemw\u00f6lkchen vor ihrem Gesicht herzuschieben, w\u00e4hrend er die Augen verdrehte und den Laternenmasten im Vorbeijoggen ein paar abgeschw\u00e4chte Kicks verpasste.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcber dem Friedhof d\u00e4mmert es. Hier und da brennen Grablichter auf den mit Tannenzweigen abgedeckten Gr\u00e4bern. Kein lebendiger Mensch ist mehr hier. Etienne zittert vor K\u00e4lte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er sollte verschwinden. Aber wohin?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00bbQue ferais-tu?\u00ab<\/em>, fragt er seine Mutter. Was w\u00fcrdest du tun?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bevor er aus der Bewegung der Flamme im Schutz der Laterne, dem Wind in den kahlen \u00c4sten der Kastanie oder dem Fall der Schneeflocken etwas herauslesen und als Antwort einer Toten interpretieren kann, sp\u00fcrt er ein Vibrieren an seiner Brust. Ein Anruf. Er zieht das Smartphone aus der Innentasche seiner Jacke und seufzt beim Blick auf das Display. Er hat nicht wirklich damit gerechnet, dass sie ihn in Ruhe l\u00e4sst. Nicht in dieser Stimmung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbHey, Vic.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbHey.\u00ab In der einen Silbe schwingt so viel Erleichterung, dass er ans Telefon gegangen ist, und gleichzeitig so viel Sehnsucht, dass er schlucken muss.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbWas machst du?\u00ab, fragt sie, weit entfernt, unbek\u00fcmmert zu klingen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbRumsitzen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbKlar.\u00ab Sie wartet einen Moment, in dem Etienne schweigend seine Wortkargheit verflucht, und fasst dann nach. \u00bbWo?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbBei meiner Mutter.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie seufzt. \u00bbAuf dem Friedhof. Wie lange schon?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er zuckt die Achseln und schweigt in die Leitung. Jedes Wort w\u00e4re l\u00e4cherlich. Genauso wie seine Entscheidung, hier zu sein. Wie lange wollte er hier sitzen? Bis er festfriert?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbDu solltest herkommen. Meine Mutter macht G\u00e4nsekeulen mit Rotkohl und Kl\u00f6\u00dfen. Sie hat sowieso vier gekauft, weil sie dachte, vielleicht w\u00fcrdest du doch mitkommen. Es macht keine Umst\u00e4nde, die vierte aufzutauen, und dann k\u00f6nnen wir alle zusammen essen, Wein trinken und Weihnachten genie\u00dfen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbDeine Eltern w\u00fcnschen sich einen anderen Mann an deiner Seite.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbIm Moment w\u00fcnschen sie sich den Mann an meine Seite, den ich schon den ganzen Tag vermisse.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Etienne f\u00fchlt seinen Widerstand br\u00f6ckeln.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbHast du mein Geschenk ausgepackt?\u00ab, fragt er.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbNein. Und ich werde es erst auspacken, wenn du hier bist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbIch werde mindestens drei Stunden brauchen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbMacht nichts. Ich werde warten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pl\u00f6tzlich muss er lachen. \u00bbDu gibst nicht auf, was?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbDu doch auch nicht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbIch liebe dich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbIch liebe dich auch. Fahr vorsichtig.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbVerlass dich drauf.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Autobahn ist so leer wie der N\u00fcrburgring nach Mitternacht. Etienne muss sich zwingen, sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten, aber Radarfallen feiern kein Weihnachten und seinen F\u00fchrerschein braucht er so dringend wie sein Handy. Nach zwei Dritteln der Strecke beschlie\u00dft er, sicherheitshalber die n\u00e4chste Tankstelle anzufahren und ist \u00fcberrascht, dass sie tats\u00e4chlich ge\u00f6ffnet hat. Der junge, b\u00e4rtige Typ im Tankstellenshop schaut sich das Video einer t\u00fcrkischen Talentshow auf dem Tablet an, kassiert wortkarg und seufzt genervt, als Etienne spontan beschlie\u00dft, von seinem Wechselgeld noch einen Schokoriegel zu kaufen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der riesige Parkplatz ist so gut wie leer, nur weiter hinten parken ein paar Lkws mit ausl\u00e4ndischen Kennzeichen. Etienne h\u00e4lt den\u00a0Citro\u00ebn\u00a0im Lichtkegel einer Stra\u00dfenlaterne, ziemlich genau in der Mitte einer Reihe von knapp drei\u00dfig, allesamt leeren Parkpl\u00e4tzen, stellt den Motor ab und rei\u00dft die Verpackung des Schokoriegels auf. Selbst wenn er heute noch G\u00e4nsekeule bekommt, braucht er jetzt einen Energieschub. Er versucht sich Vikas Eltern vorzustellen. Was werden sie sagen? Was wird\u00a0<em>er<\/em>\u00a0sagen? Er sollte locker sein, gut drauf und unbeschwert. Schlie\u00dflich kommt er am besten an, wenn er gut gelaunt ist. Allerdings hat ihm das bei Bewerbungsgespr\u00e4chen um die Position des k\u00fcnftigen Schwiegersohns nichts gebracht. Nicht in den vergangenen sechs Jahren. Sandrines Eltern hatten ihr Beziehungsrevival f\u00fcr eine freundschaftliche Posse gehalten und sich kein bisschen dar\u00fcber gewundert, als auch der zweite Versuch scheiterte, und Nadias Mutter hatte Etienne so eindringlich zu seiner Lebenserwartung befragt, dass er sich am Ende nicht mehr sicher gewesen war, den n\u00e4chsten Tag zu erleben. Missmutig l\u00e4sst er das Fenster auf der Fahrerseite hinunter und atmet das Gemisch aus kalter Winterluft und aufgeheiztem Autoreisemief. Es ist sinnlos, sich etwas vorzumachen. Die Chancen, dass aller guten Dinge drei sind und ausgerechnet Vikas \u00fcberbesorgte Eltern ihn mit offenen Armen empfangen werden, stehen schlecht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im R\u00fcckspiegel sieht er Scheinwerfer aufleuchten, wieder verschwinden und wieder aufleuchten. Im n\u00e4chsten Moment rollt ein in die Jahre gekommener roter Nissan auf den Stellplatz links neben ihm. Durch die geschlossenen Scheiben h\u00f6rt er Chris Rea singen: \u00bbDriving home for Christmas\u00ab. Die Fahrerin ist allein im Auto. Von seinem Platz aus erkennt Etienne wirre Haare und eine gro\u00dfe Nase. Als die letzte Strophe gesungen ist, rei\u00dft die Frau den Schl\u00fcssel aus dem Z\u00fcndschloss. Der Motor erstirbt mit der Musik, doch die Ruhe w\u00e4hrt keine Sekunde. Die Fahrert\u00fcr fliegt auf, die Frau steigt aus, eine Zigarette zwischen den Lippen. Unbarmherzig fegt ihr der Wind die schlecht blondierten, von grauen Str\u00e4hnen durchzogenen Str\u00e4hnen aus dem Gesicht, offenbart verschmiertes Make-up und eine Spur von Tr\u00e4nen auf ihrer faltigen Wange. Etienne sieht ihr zu, wie sie sich mit dem R\u00fccken gegen den Wind dreht, um ihre Zigarette anzuz\u00fcnden, und beschlie\u00dft, sich mit seinem letzten Bissen Zeit zu lassen. Die Frau tr\u00e4gt einen langen, schwarzen Anorak mit verfilztem Kunstfellbesatz an der Kapuze, eine enge, dunkelgraue Jeans mit Glitzerapplikation am rechten Oberschenkel und schwarze Overknee-Stiefel mit hohen Abs\u00e4tzen, die auf dem Pflaster klappern, als sie im Schein der Stra\u00dfenlaterne auf und ab geht. Sie nimmt\u00a0 zwei, drei Z\u00fcge von der Zigarette, zieht den Rauch tief in ihre Lunge und sieht mit in den Nacken gelegtem Kopf dabei zu, wie der Wind ihn von ihren Lippen streicht. Mit der freien Hand f\u00e4hrt sie sich \u00fcber das Gesicht, verreibt Tr\u00e4nen und Make-up-Spuren, zieht die Nase hoch und sieht Etienne durch das offene Autofenster an.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbUnd du?\u00a0<em>Driving home for Christmas<\/em>\u00a0oder \u00fcberlegst du noch, ob du wieder umkehrst?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ihre Stimme klingt rau, wahrscheinlich von zu vielen Zigaretten, vielleicht auch zu viel Alkohol, sicherlich zu viel Schicksal.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbBis eben nicht\u00ab, antwortet er wahrheitsgem\u00e4\u00df.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbWarum steht man sonst Heiligabend auf einer verdammten Autobahnrastst\u00e4tte herum?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbUm einen Schokoriegel zu essen?\u00ab Er schiebt sich das letzte St\u00fcck in den Mund und zerkn\u00fcllt das Papier in der Hand, bevor er es im Abfallfach der Mittelkonsole verschwinden l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbDas kann man auch w\u00e4hrend der Fahrt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbIch nicht. Ich brauche beide H\u00e4nde am Steuer.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie ignoriert seine Worte, kommt aber n\u00e4her und lehnt sich direkt neben ihm an die Beifahrert\u00fcr ihres Nissans.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbMeine Tochter hat mich eingeladen, aber ich wei\u00df nicht, ob ich es wirklich schaffe, hinzufahren und an ihrer T\u00fcr zu klingeln.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbImmerhin hat deine Tochter noch eine Mutter.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbEine Mutter, die sie zehn Jahre nicht gesehen hat.\u00ab Aus seinem Blickwinkel sieht er, wie die faltige Hand die Zigarette noch einmal zum Mund f\u00fchrt, h\u00f6rt das Knistern der Glut, als sie daran zieht und etwas sp\u00e4ter ihr energisches Ausatmen, bevor sie weiterspricht. \u00bbIch habe Fehler gemacht. Ich\u00a0<em>bin<\/em>\u00a0ein Fehler. Der Fehler in ihrem Leben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbAber sie will dich Weihnachten bei sich haben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbWas, wenn sie es bereut?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbWas, wenn du bereust, ihre Einladung ausgeschlagen zu haben?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine Pause entsteht. Etienne sieht aus dem Augenwinkel ihr Bein mit den Glitzersteinen wippen. \u00bbSie hat ein Kind. Ein M\u00e4dchen, acht Jahre. Ich werde ihnen sagen m\u00fcssen, dass ich krank bin. Dass ich vielleicht nicht mehr lange da sein werde.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbUmso wichtiger, dass ihr euch aussprecht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbIch wei\u00df nicht, ob sie mir verzeihen kann. Die verlorenen Jahre lassen sich nicht zur\u00fcckholen. Ich habe mir eingeredet, es ist zu ihrem Besten, wenn sie sich nicht mit meinem Schei\u00df befassen muss.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie schnippt den glimmenden Zigarettenstummel von sich und Etienne sieht zu, wie der Wind die Kippe \u00fcber den nassen Asphalt trudeln l\u00e4sst, bis sie in einer Pf\u00fctze liegenbleibt und verlischt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbVielleicht solltet ihr beide nicht zu viel erwarten, sondern einfach genie\u00dfen, dass ihr euch seht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Frau stampft abwechselnd mit den F\u00fc\u00dfen auf und schiebt beide H\u00e4nde tiefer in die Manteltaschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbUnd was hast du noch vor?\u00ab Bildet er es sich nur ein oder schwingt in ihrer Stimme das unausgesprochene Angebot, den Rest des Abends gemeinsam fortzusetzen? Unwillk\u00fcrlich muss er l\u00e4cheln.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbMeine Freundin bei ihren Eltern treffen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie st\u00f6\u00dft ein trockenes Lachen aus, das in Husten \u00fcbergeht. \u00bbIst doch super. Wovor hast du Angst?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbIch habe nicht gesagt, dass ich Angst habe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbPft.\u00ab Sie tritt wieder von einem Fu\u00df auf den anderen und reibt sich, ohne die H\u00e4nde aus den Taschen zu nehmen, \u00fcber die H\u00fcften.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbOkay, \u00ab gibt er zu. \u00bbIch kenne ihre Eltern noch nicht und wenn sie mich nicht m\u00f6gen, wird das f\u00fcr meine Freundin kein sch\u00f6nes Weihnachten. Auch wenn sie behauptet, es sei ihr egal.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbHa! Wer sollte dich nicht m\u00f6gen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbMenschen, die in erster Linie Defizite sehen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er fragt sich, ob sie aus ihrer Position auf seinen Beifahrersitz sehen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbVielleicht solltest ihr beide nicht zu viel erwarten, sondern einfach genie\u00dfen, dass ihr zusammen seid?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pl\u00f6tzlich m\u00fcssen sie beide lachen. \u00bbJa, wahrscheinlich sollten wir das\u00ab, r\u00e4umt Etienne ein. \u00bbIrgendwie ist es einfacher, fremden Leuten Ratschl\u00e4ge zu geben, als sich selbst vom Naheliegenden zu \u00fcberzeugen, oder?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Falls sie nickt, sieht er es nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbAlso f\u00e4hrst du nicht wieder zur\u00fcck?\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbNat\u00fcrlich nicht. Es gibt kein Zur\u00fcck. Nie.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbIch fahre auch. Ich ziehe es durch.\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit einem Seufzer st\u00f6\u00dft sie sich von ihrem Auto ab und Etienne st\u00fctzt sich mit dem Arm im offenen Fenster ab, um jetzt doch zu ihr aufzusehen. In die Gesichtsz\u00fcge unter den zu langen Ponyfransen haben sich die entt\u00e4uschten Hoffnungen vergangener Jahrzehnte gegraben, aber in ihren Augen schimmert ein neuer, warmer Glanz.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbDann mal gute Fahrt\u00ab, w\u00fcnscht Etienne. \u00bbUnd frohe Weihnachten!\u00ab<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00bbGleichfalls\u00ab, sagt sie mit einem L\u00e4cheln, das eine Lieblichkeit offenbart, die in seltsamem Kontrast zu ihren Jahren steht. Er sieht ihr nach, wie sie in ihr Auto steigt, den Motor anl\u00e4sst und mit einem Winken und dem neu gestarteten Chris Rea \u00fcber den leeren Parkplatz davonbraust.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Leben w\u00e4re so viel einfacher, gel\u00e4nge es uns doch nur, weniger zu erwarten, weniger zu hoffen und bedingungsloser zu lieben, was wir haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als er sein Ziel erreicht, l\u00e4uten auch hier die Kirchenglocken und es f\u00fchlt sich nicht so an, als h\u00e4tte er in den vergangenen Stunden \u00fcber dreihundert Kilometer zur\u00fcckgelegt. Nur Schnee ist hier im Norden reichlicher vorhanden als im Westen der Republik. Dicht liegt er auf D\u00e4chern, B\u00e4umen und Hecken und l\u00e4sst ganze Vorg\u00e4rten unter seiner glitzernden Decke verschwinden. Sogar den Gartenz\u00e4unen hat er wei\u00dfe M\u00fctzen aufgesetzt. Die letzten Meter der Sackgasse f\u00e4hrt Etienne im Schritttempo bis vor das Haus mit der Nummer zw\u00f6lf. Rollsplitt knirscht unter seinen Reifen, als er in die n\u00e4chstgelegene Parkl\u00fccke direkt am Bordstein einschert. Von hier sind es nur vier Meter \u00fcber den B\u00fcrgersteig und noch einmal so viel von der Gartenpforte bis zur Haust\u00fcr. Eine Stufe, aber die ist machbar. Er \u00f6ffnet die Autot\u00fcr und hebt erst den Metallrahmen, dann die R\u00e4der vom Beifahrersitz nach drau\u00dfen, wo er mit ge\u00fcbten Griffen seinen Rollstuhl zusammenbaut, sorgf\u00e4ltig darauf bedacht, dass er ihm auf dem gefrorenen Untergrund nicht wegrutscht oder davonrollt. Dann setzt er \u00fcber und beugt sich nur noch einmal ins Auto, um seine Jacke zu holen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vorsichtig man\u00f6vriert er \u00fcber den vereisten B\u00fcrgersteig zur ge\u00f6ffneten Gartenpforte, wo er kurz inneh\u00e4lt. In dem Fenster neben der Haust\u00fcr leuchtet ein wei\u00dfgoldener Weihnachtsstern. Wei\u00df und Gold geschm\u00fcckt ist auch der Tannenkranz an der dunklen Massivholzhaust\u00fcr. Auf dem \u00fcberdachten Absatz davor stehen drei Laternen in unterschiedlichen Gr\u00f6\u00dfen, in denen jeweils eine dicke, wei\u00dfe Kerze brennt. Die mittlere sieht \u00e4hnlich aus wie die, die er heute Nachmittag auf dem Grab seiner Mutter zur\u00fcckgelassen hat. Neben den Laternen liegt eine Fu\u00dfmatte aus Kokosfasern. Selbst aus der Entfernung erkennt Etienne den Aufdruck einer winkenden Comic-Katze neben dem Wort \u00bbWelcome\u00ab in einer Sprechblase. Es ist immer noch m\u00f6glich, dass dies alles nicht ihm gilt. Dass die Vorbehalte gegen einen potenziellen Schwiegersohn mit Behinderung gr\u00f6\u00dfer sind als weihnachtliche Gastfreundschaft. Dass auch diese Menschen seinen Wunsch nach einer heilen, liebevollen Familie, deren Teil er sein darf, nicht erf\u00fcllen werden. Aber immerhin erlauben sie ihm, hier zu sein. Er darf Weihnachten mit seiner Liebsten verbringen. Die Gr\u00f6\u00dfe dieses Geschenks wird ihm mit jedem Zentimeter bewusster, den er sich \u00fcber die bogenf\u00f6rmig angeordneten Pflastersteine Richtung Haust\u00fcr bewegt. Der Weg ist frei von Schnee und sorgf\u00e4ltig mit Sand gestreut. Vor der Stufe kippt Etienne den Rollstuhl auf die Hinterr\u00e4der, rollt so weit vorw\u00e4rts, dass die kleinen Lenkr\u00e4der oben auf dem Absatz stehen und zieht sich mit einer Hand am T\u00fcrknauf, mit der anderen am Greifrad, nach oben. Auf der Kokosmatte rollt er ein paar Mal hin und her, um den Sand aus den Profilen zu bekommen. Von drinnen dringt Klaviermusik an sein Ohr. Eine Frau singt\u00a0<em>\u00bbVom Himmel hoch\u00ab<\/em>. Es ist nicht Vika. Einen schmerzvollen Augenblick lang presst ihm die Erinnerung an seine Mutter den Brustkorb zusammen und er kann nichts anderes tun, als still zu warten bis das Lied zu Ende ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann atmet er tief durch und dr\u00fcckt auf den Klingelknopf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Aliz\u00e9e Korte Eine weihnachtliche Szene basierend auf dem Roman \u201cDein Weg, meine Liebe\u201d Die Flamme der Kerze knistert, als eine Schneeflocke darauf schmilzt, geht aber nicht aus. Sie flackert nur gerade heftig genug, um Etienne zu best\u00e4tigen, dass er das richtige Geschenk ausgesucht hat. Vorsichtig stellt er die Kerze neben sich auf den Boden und zieht die Laterne aus der T\u00fcte. Mit klammen Fingern streicht er \u00fcber das geb\u00fcrstete Aluminium und die d\u00fcnnen W\u00e4nde. Dort, wo Schneekristalle und Sterne in das Glas geschliffen sind, f\u00fchlt es sich rauer an. Er \u00f6ffnet den winzigen Metallriegel, zieht das T\u00fcrchen auf und stellt die Kerze hinein. Sofort beruhigt sich die Flamme und warmes Licht strahlt durch das Glas und die sternf\u00f6rmigen Ausstanzungen dar\u00fcber. Zufrieden beugt er sich vor und stellt die Laterne vor dem Grabstein zwischen die Tannenzweige. \u00bbJoyeux No\u00ebl, Maman.\u00ab Er vergr\u00e4bt die H\u00e4nde in den Taschen seiner Daunenjacke. Und nun? Winzige Schneeflocken rieseln \u00fcber die Szenerie. Sie schmelzen zusammen mit der letzte Illusion von weihnachtlicher Stimmung auf dem Boden und Etienne fragt sich, was ihn geritten hat, Heiligabend am Grab seiner Mutter verbringen zu wollen. Im Grunde war es eine eher beschissene Idee. Genauso gut h\u00e4tte er die alten VHS-Videokassetten mit seinen Wettkampfaufzeichnungen in Glitzerpapier einwickeln und f\u00fcr sich selbst unter seinen nicht vorhandenen Weihnachtsbaum legen k\u00f6nnen. Es ist nicht mehr wie fr\u00fcher. Es w\u00fcrde nie wieder wie fr\u00fcher sein und eigentlich kommt er ganz gut damit klar. Dass er seit sechs Jahren Heiligabend an das Grab seiner Mutter kommt, hei\u00dft nicht, dass er mit der Realit\u00e4t nach dem Unfall nicht zurechtkommt. Oder? Zumal das Ritual anfangs nicht einmal seins gewesen war. Auch seinen Vater, seine Schwester Marie-Lou und die besten Freundinnen seiner Mutter hatte es in den ersten Jahren Heiligabend an Isabelle Jeancours Grab gezogen. Aber irgendwann hatten die Freundinnen beschlossen, dass sie nach dem Auszug des letzten Kindes, lieber \u00fcber Weihnachten in den Winterurlaub fuhren, und kurz darauf befand Silvia, die neue Freundin seines Vaters, die sich so vollkommen skrupellos in Etiennes Elternhaus einnistete, dass sie \u00bbihren\u00ab Peter Heiligabend lieber in der K\u00fcche wusste, als am Grab ihrer Vorg\u00e4ngerin. Irgendwann hatte sogar Marie-Lou die gemeinsamen Friedhofsbesuche abgesagt, da sie mit Marc erst sp\u00e4ter aus Paris anreisen wollte. Die unausgesprochene Pflicht, eine Kerze auf Isabelle Jeancours Grab zu hinterlassen, war folglich an ihm h\u00e4ngengeblieben. Es st\u00f6rte ihn nicht. Immerhin hatte er Marie-Lou abends noch gesehen. Doch dieses Jahr ist alles anders. Sein Vater ist mit Silvia in die Karibik geflogen und Marie-Lou feiert zum ersten Mal Weihnachten mit Marcs Familie in Schweden. \u00bbIch dachte, du feierst mit Vika\u00ab, hatte sie erschrocken ausgerufen, als er sie Anfang Dezember fragte, ob sie sich in Paris oder in Br\u00fcssel treffen w\u00fcrden, und wohl im Geiste schon \u00fcberlegt, wie sie Marc umstimmen k\u00f6nnte. \u00bbNur f\u00fcr den Fall, dass es doch nicht klappt\u00ab, hatte er sich zu versichern beeilt. Denn Vika feiert nat\u00fcrlich bei ihren Eltern. Das ist seit vierundzwanzig Jahren so und Etienne ist der Letzte, der sie davon abhalten w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich hat sie ihn eingeladen, nein, bekniet hat sie ihn, mitzukommen, und mit wachsender Wut hatte er sich selbst dabei beobachtet, wie er eine fadenscheinige Begr\u00fcndung nach der anderen lieferte, warum es unm\u00f6glich war, zu zweit in die Kleinstadt zwischen Hamburg und Bremen zu fahren und dort inmitten der klirrenden K\u00e4lte nieders\u00e4chsischen Flachlandes Weihnachten zu feiern. Sp\u00e4testens als er behauptete, in der Karateschule zu viel zu tun zu haben, um l\u00e4nger als einen Tag wegbleiben zu k\u00f6nnen, hatte sie verstanden. Schlie\u00dflich wusste sie so gut wie er, dass die Karateschule in den Winterferien geschlossen blieb. Toni war nach Kroatien gefahren und wenn Etienne sich in der Zwischenzeit n\u00fctzlich machen wollte, w\u00fcrde ihm nichts anderes \u00fcbrig bleiben, als die Tatami-Matten mit dem Pinsel zu entstauben. Er sollte bei Vika sein. Das wird ihm immer klarer, je l\u00e4nger er hier sitzt und den Schneeflocken dabei zusieht, wie sie immer dichter fallen und inzwischen tats\u00e4chlich auf der Tannenabdeckung und dem Grabstein liegenbleiben. Er sollte sich in Bewegung setzen, bevor seine Zehen so blau werden wie die Gie\u00dfkanne von Frau B\u00f6hler zwei Gr\u00e4ber weiter. Zugegeben, Vikas Eltern sind nicht die gr\u00f6\u00dften Fans ihrer Beziehung. Schwer zu sagen, ob sie sich mehr davor f\u00fcrchten, dass er abh\u00e4ngig von ihr oder dass sie abh\u00e4ngig von ihm werden k\u00f6nnte. Vielleicht sollte er es darauf ankommen lassen, dass ein pers\u00f6nliches Kennenlernen sie umstimmt. Nicht wenige Menschen sind schlie\u00dflich beeindruckt, wenn sie ihn in Fleisch und Blut erleben. Aber Vika legt Wert auf die Meinung ihrer Eltern. Auch wenn sie es nicht immer zugibt. Wenn ihre Eltern zu dem Ergebnis kommen, dass er nicht der richtige Partner f\u00fcr ihre Tochter ist, kann es dann noch eine Zukunft f\u00fcr sie geben? Oder nur noch eine Zeit des Protests, dem fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Resignation folgt? In der Ferne l\u00e4uten Kirchenglocken zum Kindergottesdienst. Etienne erinnert sich, wie Marie-Lou und er fr\u00fcher ausrangiertes Spielzeug auf den B\u00fcrgersteigen nahe der Kirche aussetzten. Die Kindergartenkinder w\u00fcrden es finden, wenn sie mit ihren Eltern zum Gottesdienst gingen, und denken, die Figuren aus Lego und Playmobil seien dem Weihnachtsmann vom Schlitten gefallen. \u00dcberdeutlich erinnert er sich daran, wie er Marie-Lou zur Eile antrieb, damit sie au\u00dfer Sicht waren, bevor die Kinder ihren Fund machten. Seine Schwester keuchte und schien ihren pummeligen K\u00f6rper in Zeitlupe hinter den wei\u00dfen Atemw\u00f6lkchen vor ihrem Gesicht herzuschieben, w\u00e4hrend er die Augen verdrehte und den Laternenmasten im Vorbeijoggen ein paar abgeschw\u00e4chte Kicks verpasste. \u00dcber dem Friedhof d\u00e4mmert es. Hier und da brennen Grablichter auf den mit Tannenzweigen abgedeckten Gr\u00e4bern. Kein lebendiger Mensch ist mehr hier. Etienne zittert vor K\u00e4lte. Er sollte verschwinden. Aber wohin? \u00bbQue ferais-tu?\u00ab, fragt er seine Mutter. Was w\u00fcrdest du tun? Bevor er aus der Bewegung der Flamme im Schutz der Laterne, dem Wind in den kahlen \u00c4sten der Kastanie oder dem Fall der Schneeflocken etwas herauslesen und als Antwort einer Toten interpretieren kann, sp\u00fcrt er ein Vibrieren an seiner Brust. Ein Anruf. Er zieht das Smartphone aus der Innentasche seiner Jacke und seufzt beim Blick auf das Display. Er hat nicht wirklich damit gerechnet, dass sie ihn in Ruhe l\u00e4sst. Nicht in dieser Stimmung. \u00bbHey, Vic.\u00ab \u00bbHey.\u00ab In der einen Silbe schwingt so viel Erleichterung, dass er ans Telefon gegangen ist, und gleichzeitig so viel Sehnsucht, dass er schlucken muss. \u00bbWas machst du?\u00ab, fragt sie, weit entfernt, unbek\u00fcmmert zu klingen. \u00bbRumsitzen.\u00ab \u00bbKlar.\u00ab Sie wartet einen Moment, in dem Etienne schweigend seine Wortkargheit verflucht, und fasst dann nach. \u00bbWo?\u00ab \u00bbBei meiner Mutter.\u00ab Sie seufzt. \u00bbAuf dem Friedhof. Wie lange schon?\u00ab Er zuckt die Achseln und schweigt in die Leitung. Jedes Wort w\u00e4re l\u00e4cherlich. Genauso wie seine Entscheidung, hier zu sein. Wie lange wollte er hier sitzen? Bis er festfriert? \u00bbDu solltest herkommen. Meine Mutter macht G\u00e4nsekeulen mit Rotkohl und Kl\u00f6\u00dfen. Sie hat sowieso vier gekauft, weil sie dachte, vielleicht w\u00fcrdest du doch mitkommen. Es macht keine Umst\u00e4nde, die vierte aufzutauen, und dann k\u00f6nnen wir alle zusammen essen, Wein trinken und Weihnachten genie\u00dfen.\u00ab \u00bbDeine Eltern w\u00fcnschen sich einen anderen Mann an deiner Seite.\u00ab \u00bbIm Moment w\u00fcnschen sie sich den Mann an meine Seite, den ich schon den ganzen Tag vermisse.\u00ab Etienne f\u00fchlt seinen Widerstand br\u00f6ckeln. \u00bbHast du mein Geschenk ausgepackt?\u00ab, fragt er. \u00bbNein. Und ich werde es erst auspacken, wenn du hier bist.\u00ab \u00bbIch werde mindestens drei Stunden brauchen.\u00ab \u00bbMacht nichts. Ich werde warten.\u00ab Pl\u00f6tzlich muss er lachen. \u00bbDu gibst nicht auf, was?\u00ab \u00bbDu doch auch nicht.\u00ab \u00bbIch liebe dich.\u00ab \u00bbIch liebe dich auch. Fahr vorsichtig.\u00ab \u00bbVerlass dich drauf.\u00ab Die Autobahn ist so leer wie der N\u00fcrburgring nach Mitternacht. Etienne muss sich zwingen, sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten, aber Radarfallen feiern kein Weihnachten und seinen F\u00fchrerschein braucht er so dringend wie sein Handy. Nach zwei Dritteln der Strecke beschlie\u00dft er, sicherheitshalber die n\u00e4chste Tankstelle anzufahren und ist \u00fcberrascht, dass sie tats\u00e4chlich ge\u00f6ffnet hat. Der junge, b\u00e4rtige Typ im Tankstellenshop schaut sich das Video einer t\u00fcrkischen Talentshow auf dem Tablet an, kassiert wortkarg und seufzt genervt, als Etienne spontan beschlie\u00dft, von seinem Wechselgeld noch einen Schokoriegel zu kaufen. Der riesige Parkplatz ist so gut wie leer, nur weiter hinten parken ein paar Lkws mit ausl\u00e4ndischen Kennzeichen. Etienne h\u00e4lt den\u00a0Citro\u00ebn\u00a0im Lichtkegel einer Stra\u00dfenlaterne, ziemlich genau in der Mitte einer Reihe von knapp drei\u00dfig, allesamt leeren Parkpl\u00e4tzen, stellt den Motor ab und rei\u00dft die Verpackung des Schokoriegels auf. Selbst wenn er heute noch G\u00e4nsekeule bekommt, braucht er jetzt einen Energieschub. Er versucht sich Vikas Eltern vorzustellen. Was werden sie sagen? Was wird\u00a0er\u00a0sagen? Er sollte locker sein, gut drauf und unbeschwert. Schlie\u00dflich kommt er am besten an, wenn er gut gelaunt ist. Allerdings hat ihm das bei Bewerbungsgespr\u00e4chen um die Position des k\u00fcnftigen Schwiegersohns nichts gebracht. Nicht in den vergangenen sechs Jahren. Sandrines Eltern hatten ihr Beziehungsrevival f\u00fcr eine freundschaftliche Posse gehalten und sich kein bisschen dar\u00fcber gewundert, als auch der zweite Versuch scheiterte, und Nadias Mutter hatte Etienne so eindringlich zu seiner Lebenserwartung befragt, dass er sich am Ende nicht mehr sicher gewesen war, den n\u00e4chsten Tag zu erleben. Missmutig l\u00e4sst er das Fenster auf der Fahrerseite hinunter und atmet das Gemisch aus kalter Winterluft und aufgeheiztem Autoreisemief. Es ist sinnlos, sich etwas vorzumachen. Die Chancen, dass aller guten Dinge drei sind und ausgerechnet Vikas \u00fcberbesorgte Eltern ihn mit offenen Armen empfangen werden, stehen schlecht. Im R\u00fcckspiegel sieht er Scheinwerfer aufleuchten, wieder verschwinden und wieder aufleuchten. Im n\u00e4chsten Moment rollt ein in die Jahre gekommener roter Nissan auf den Stellplatz links neben ihm. Durch die geschlossenen Scheiben h\u00f6rt er Chris Rea singen: \u00bbDriving home for Christmas\u00ab. Die Fahrerin ist allein im Auto. Von seinem Platz aus erkennt Etienne wirre Haare und eine gro\u00dfe Nase. Als die letzte Strophe gesungen ist, rei\u00dft die Frau den Schl\u00fcssel aus dem Z\u00fcndschloss. Der Motor erstirbt mit der Musik, doch die Ruhe w\u00e4hrt keine Sekunde. Die Fahrert\u00fcr fliegt auf, die Frau steigt aus, eine Zigarette zwischen den Lippen. Unbarmherzig fegt ihr der Wind die schlecht blondierten, von grauen Str\u00e4hnen durchzogenen Str\u00e4hnen aus dem Gesicht, offenbart verschmiertes Make-up und eine Spur von Tr\u00e4nen auf ihrer faltigen Wange. Etienne sieht ihr zu, wie sie sich mit dem R\u00fccken gegen den Wind dreht, um ihre Zigarette anzuz\u00fcnden, und beschlie\u00dft, sich mit seinem letzten Bissen Zeit zu lassen. Die Frau tr\u00e4gt einen langen, schwarzen Anorak mit verfilztem Kunstfellbesatz an der Kapuze, eine enge, dunkelgraue Jeans mit Glitzerapplikation am rechten Oberschenkel und schwarze Overknee-Stiefel mit hohen Abs\u00e4tzen, die auf dem Pflaster klappern, als sie im Schein der Stra\u00dfenlaterne auf und ab geht. Sie nimmt\u00a0 zwei, drei Z\u00fcge von der Zigarette, zieht den Rauch tief in ihre Lunge und sieht mit in den Nacken gelegtem Kopf dabei zu, wie der Wind ihn von ihren Lippen streicht. Mit der freien Hand f\u00e4hrt sie sich \u00fcber das Gesicht, verreibt Tr\u00e4nen und Make-up-Spuren, zieht die Nase hoch und sieht Etienne durch das offene Autofenster an. \u00bbUnd du?\u00a0Driving home for Christmas\u00a0oder \u00fcberlegst du noch, ob du wieder umkehrst?\u00ab Ihre Stimme klingt rau, wahrscheinlich von zu vielen Zigaretten, vielleicht auch zu viel Alkohol, sicherlich zu viel Schicksal. \u00bbBis eben nicht\u00ab, antwortet er wahrheitsgem\u00e4\u00df. \u00bbWarum steht man sonst Heiligabend auf einer verdammten Autobahnrastst\u00e4tte herum?\u00ab \u00bbUm einen Schokoriegel zu essen?\u00ab Er schiebt sich das letzte St\u00fcck in den Mund und zerkn\u00fcllt das Papier in der Hand, bevor er es im Abfallfach der Mittelkonsole verschwinden l\u00e4sst. \u00bbDas kann man auch w\u00e4hrend der Fahrt.\u00ab \u00bbIch nicht. Ich brauche beide H\u00e4nde am Steuer.\u00ab Sie ignoriert seine Worte, kommt aber n\u00e4her und lehnt sich direkt neben ihm an die Beifahrert\u00fcr ihres Nissans. \u00bbMeine Tochter hat mich eingeladen, aber ich wei\u00df nicht, ob ich es wirklich schaffe, hinzufahren und an ihrer T\u00fcr zu klingeln.\u00ab \u00bbImmerhin hat deine Tochter noch eine Mutter.\u00ab \u00bbEine Mutter, die sie zehn Jahre nicht gesehen hat.\u00ab Aus seinem Blickwinkel sieht er, wie die faltige Hand die Zigarette noch einmal zum Mund f\u00fchrt, h\u00f6rt das Knistern der Glut, als sie daran zieht und etwas sp\u00e4ter ihr energisches Ausatmen, bevor sie weiterspricht. \u00bbIch habe Fehler gemacht. Ich\u00a0bin\u00a0ein Fehler. Der Fehler in ihrem Leben.\u00ab \u00bbAber sie will dich Weihnachten bei sich haben.\u00ab \u00bbWas, wenn sie es bereut?\u00ab \u00bbWas, wenn du bereust, ihre Einladung ausgeschlagen zu haben?\u00ab Eine&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"om_disable_all_campaigns":false,"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-1513","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sonstiges"],"aioseo_notices":[],"aioseo_head":"\n\t\t<!-- All in One SEO 5.0.2.1 - aioseo.com -->\n\t<meta name=\"description\" content=\"von Aliz\u00e9e Korte Eine weihnachtliche Szene basierend auf dem Roman \u201cDein Weg, meine Liebe\u201d Die Flamme der Kerze knistert, als eine Schneeflocke darauf schmilzt, geht aber nicht aus. 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